Warum stechen Wespen im Herbst häufiger?
Wespen stechen im Herbst häufiger, weil die Brut endet und die Arbeiterinnen keine Larven mehr versorgen. Statt Proteinquellen (Insekten, Fleisch) suchen sie nun intensiv nach Kohlenhydraten — Obst, Süßgetränke, Marmelade — und kommen dabei in direkten Kontakt mit Menschen.
Von Juli bis August liefern Wespenarbeiterinnen primär Insekten und andere Proteinquellen als Larvennahrung. Die Larven geben im Gegenzug ein zuckerhaltiges Sekret ab, das die Arbeiterinnen als Energiequelle nutzen. Wenn die Brut im August/September endet, fällt diese Zuckerquelle weg. Die Tiere kompensieren das durch aktive Suche nach vergärendem Obst, offenen Getränken und zuckerhaltigen Speisen — typischerweise genau dort, wo Menschen sitzen und essen.
Diese Verschiebung ist keine Verhaltensänderung in Bezug auf Aggression. Eine Wespe, die über einem Bierglas kreist, sucht Nahrung — sie verteidigt kein Revier. Ihr Stichrisiko ist aber situativ erhöht, weil sie enger in den menschlichen Handlungsraum eindringt und dabei häufiger eingeklemmt oder erschreckt wird.
Die häufigsten Stichauslöser im Herbst: Wespe in Getränk nicht bemerkt und verschluckt oder gegen Lippe gepresst, Wespe auf Kleidung beim Anziehen zerquetscht, Wespe beim Obstpflücken direkt berührt. In allen Fällen ist der Stich eine Abwehrreaktion auf mechanischen Reiz — keine spontane Aggression.
Was passiert mit der Wespenkolonie im Herbst?
Die Kolonien von Vespula vulgaris und Vespula germanica lösen sich zwischen August und Oktober auf. Die Brut endet zuerst, dann sterben Arbeiterinnen und Altkönigin. Nur befruchtete Jungköniginnen überleben den Winter.
Eine ausgewachsene Vespula-Kolonie umfasst im Hochsommer 3.000 bis 7.000 Tiere und eine aktive Wabenkonstruktion aus mehrstöckigen Papierwaben. Das Koloniewachstum folgt einer S-Kurve: langsam im Mai, exponentiell im Juni/Juli, Plateau im August. Ab August werden keine neuen Arbeiterinnen mehr aufgezogen; stattdessen produziert die Königin Geschlechtstiere (Drohnen und Jungköniginnen).
Die Jungköniginnen verlassen das Nest im August/September zur Paarung. Die Drohnen sterben nach der Paarung. Die Altkönigin stellt die Eiablage ein und stirbt Anfang Oktober. Ohne Königin und ohne Brut existiert für die verbliebenen Arbeiterinnen kein Koloniezweck mehr — sie sterben innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen, sobald die Temperaturen unter 10 °C fallen.
Das verwaiste Nest bleibt physisch erhalten, wird aber nie wieder von derselben Art genutzt. Vespula-Arten gründen im Folgejahr immer ein neues Nest an einem anderen Standort. Das alte Wabenmaterial kann im Winter oder Frühjahr entfernt werden.
Wie verhalten sich Hornissen im Herbst?
Vespa crabro-Kolonien enden etwas später als Vespula-Kolonien — typischerweise Oktober bis November. Das Grundmuster ist identisch: Brut endet, Jungköniginnen verlassen das Nest, Arbeiterinnen und Altkönigin sterben. Der Kontaktdruck mit Menschen ist dabei deutlich geringer als bei Vespula.
Hornissen suchen im Herbst ebenfalls Kohlenhydrate, aber ihr Nahrungsspektrum ist breiter: Sie fangen weiterhin aktiv Insekten (auch in der Dämmerung und nachts), fressen Saft aus überreifem Obst und nutzen Pflanzensäfte. Die Überschneidung mit menschlichen Nahrungsmitteln ist strukturell geringer als bei Vespula, die vor allem an Tischen und in Küchennähe auftritt.
Die Aggressionsschwelle der Hornisse ist ganzjährig höher als die der kleinen Vespula-Arten — im Sinne von: sie sticht schwerer zu provozieren. Das gilt im Herbst unverändert. Hornissenstiche im Herbst entstehen fast ausschließlich durch direkte mechanische Bedrängung. Spontane Angriffe auf Menschen ohne Nestannäherung sind auch im Herbst extrem selten.
Für Gartenbesitzer, die ein aktives Hornissennest in Gebäudenähe haben: Im Oktober/November löst sich die Kolonie auf. Das Nest kann danach entfernt werden — ohne Genehmigung, da es nicht mehr aktiv ist. Ein Hornissennest ist nach §44 BNatSchG nur solange geschützt, wie es aktiv genutzt wird.
Weiterführend: Hornissen: Biologie und gesetzlicher Schutz.
Was wird aus der Königin nach dem Kolonieende?
Die Altkönigin stirbt mit dem Kolonieende im Herbst. Nur befruchtete Jungköniginnen überleben: Sie verlassen das Nest ab August, paaren sich, bauen Fettreserven auf und überwintern solitär in frostfreien Verstecken — nicht im alten Nest.
Vespa crabro-Jungköniginnen überwintern bevorzugt in Baumhöhlen, unter lockerer Baumrinde, in Totholz oder in Laubhaufen. Sie wählen Standorte mit stabilen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und geringer Luftfeuchtigkeit. Sie sind nicht kälteresistent genug, um Frost zu überstehen; Temperaturen unter −5 °C töten überwinterende Königinnen.
Vespula-Jungköniginnen suchen ähnliche Strukturen: Erdhöhlen, Mauerspalten, Holzstapel, Dachbodenecken. Im Vergleich zur Hornisse sind sie etwas kältetoleranter. Die Überwinterungsrate ist auch unter optimalen Bedingungen niedrig — von mehreren hundert Jungköniginnen, die ein Volk produziert, gründen im Folgejahr nur wenige erfolgreich eine neue Kolonie.
Die Frühjahrs-Aktivierung der Königinnen beginnt bei Tagestemperaturen ab konstant 10–12 °C (typischerweise März/April). Sie starten dann solitär mit der Nestgründung — die erste Brut wird allein aufgezogen, ohne Arbeiterinnenunterstützung.
Wie schützt man sich im Herbst vor Stichen?
Die wirksamsten Schutzmaßnahmen im Herbst zielen auf die Vermeidung von Mensch-Wespen-Kontakt: Getränke abdecken, offenes Obst entfernen, keine Parfums oder süßen Körperpflegeprodukte im Außenbereich, ruhige Bewegungen bei Wespenannäherung.
Getränke und Speisen: Süßgetränke in offenen Gläsern oder Dosen sind die häufigste Kontaktquelle. Deckel oder Strohhalme verhindern, dass Wespen in das Gefäß eindringen. Vor jedem Schluck aus einer offen stehenden Dose prüfen — besonders bei Dosen, die längere Zeit unbeobachtet standen.
Obst: Fallobst zieht Wespen in großer Zahl an. Regelmäßiges Aufsammeln am Boden reduziert den Wespenbestand in unmittelbarer Hausnähe deutlich. Obstbäume in Spielplatznähe oder über Terrassen sind ein messbares Stichrisiko im Herbst.
Kosmetik und Parfum: Süße oder blumige Duftnoten werden von Wespen als mögliche Nahrungsquelle wahrgenommen. Im Außenbereich gilt: geruchsneutrale oder schwach riechende Körperpflegeprodukte reduzieren Anflug.
Verhalten bei Annäherung: Ruhige, langsame Bewegungen. Zuschlagen, Pusten oder hektisches Wedeln erzeugt Erschütterungen und Atemluft (CO₂), die Wespen als Bedrohung registrieren können und das Stichrisiko steigern. Abwarten ist effektiver als aktive Abwehr.
Kleidung: Helle Farben und glattes Material sind weniger attraktiv als dunkle, raue Textilien. Wespen, die auf Kleidung landen, nicht zerdrücken — ruhig abwarten oder sanft wegpusten.
Bei bekannter Insektengiftallergie gilt: Notfallmedikation (Antihistaminikum, Kortison, Adrenalin-Autoinjektor) im Herbst konsequent mitführen, da der Kontakthäufigkeit mit sozialen Wespen in dieser Saison am höchsten ist. Bei Stich und anaphylaktischen Zeichen sofort Notruf 112.
Weiterführend: Insektengiftallergie: Symptome und Notfallplan und Wespen: Arten, Verhalten und Nutzen.
Quellen
- NABU: Wespen und Hornissen — Biologie und Verhalten
- Bundesamt für Naturschutz (BfN): Steckbriefe heimischer Stechimmen
- Spradbery, J.P. (1973): Wasps: An Account of the Biology and Natural History of Solitary and Social Wasps. Sidgwick & Jackson, London.