Wie giftig ist ein Hornissenstich?
Ein einzelner Hornissenstich von Vespa crabro injiziert circa 0,1 mg Venom. Die letale Dosis für einen 70-kg-Menschen liegt bei schätzungsweise 500–1.400 Stichen — ein Wert, der unter Normalbedingungen nicht erreicht wird.
Das Hornissengift besteht aus mehreren pharmakologisch aktiven Substanzen: Acetylcholin wirkt nervenstimulierend und erklärt den sofortigen, brennenden Schmerzcharakter. Histamin erweitert kleine Blutgefäße und löst die sichtbare Rötung und Schwellung aus. Serotonin erhöht den Schmerzreiz und verstärkt die lokale Entzündungsreaktion. Die hornissenspezifische Komponente Vespin (auch als Antigen-5-Protein klassifiziert) ist das primäre Allergen und für systemische Kreuzreaktionen verantwortlich.
Im Vergleich zur Honigbiene (Apis mellifera) enthält ein Hornissenstich pro Stich mehr Gesamtvolumen, jedoch keine Melittin-Fraktion, die bei der Honigbiene den stärksten zytotoxischen Effekt verursacht. Die LD50 für Hornissengift liegt im Mausmodell bei 12,2 mg/kg Körpergewicht — vergleichbar mit Wespengift (3,5 mg/kg) und Bienengift (2,8 mg/kg). Hornissengift ist damit pro Milligramm weniger toxisch als das beider Vergleichsarten.
Hornissen besitzen — anders als Honigbienen — einen glatten Stachel ohne Widerhaken. Sie können daher mehrfach stechen, ohne dabei zu sterben. Das Geruchsalarmferomon, das beim Stechen freigesetzt wird, lockt Nestgenossinnen an; es ist der Hauptgrund, warum mehrere Stiche nacheinander auftreten können, wenn man sich einem Nest nähert und nicht sofort entfernt.
| Insekt | LD50 (mg/kg) | Giftstachel | Max. Stiche pro Tier |
|---|---|---|---|
| Hornisse (Vespa crabro) | 12,2 | glatt, kein Widerhaken | mehrfach |
| Wespe (Vespula vulgaris) | 3,5 | glatt, kein Widerhaken | mehrfach |
| Honigbiene (Apis mellifera) | 2,8 | Widerhaken, bleibt in Haut | einmalig (Arbeiterin) |
Welche Reaktionen löst ein Hornissenstich aus?
Ein Hornissenstich verursacht bei Nicht-Allergikern ausschließlich eine lokale Reaktion: Schwellung, Rötung und Schmerz an der Einstichstelle, die innerhalb von 1 bis 2 Stunden ihren Höhepunkt erreichen und nach 24 Stunden weitgehend abgeklungen sind.
Medizinisch unterscheidet man drei Reaktionsgrade:
| Grad | Bezeichnung | Symptome | Zeitverlauf |
|---|---|---|---|
| I | Lokalreaktion | Schwellung <10 cm, Rötung, Schmerz, Juckreiz | Abklingen innerhalb 24 h |
| II | Systemische Reaktion | Generalisierte Urtikaria, Flush, Hypotonie, Übelkeit | Beginn innerhalb 30 min, Behandlung erforderlich |
| III | Anaphylaxie | Bronchospasmus, Larynxödem, Bewusstlosigkeit, anaphylaktischer Schock | Notfall, sofortige Intervention erforderlich |
Grad-I-Reaktionen treffen über 95 % aller Gestochenen. Besonders ausgeprägte Lokalschwellungen — mehr als 10 cm Durchmesser oder Gelenknähe — gelten klinisch als großflächige Lokalreaktionen und erhöhen das Risiko für zukünftige systemische Reaktionen leicht, sind allein aber keine Indikation für eine Notfallbehandlung.
Stiche in Mundhöhle oder Rachen sind unabhängig vom Allergikerstatus gefährlich, weil das Schleimhautödem die Atemwege mechanisch einengen kann. Bei einem Stich im Mund- oder Rachenraum gilt: sofort 911 (112) rufen, auch für Nicht-Allergiker.
Wann wird ein Hornissenstich gefährlich?
Ein Hornissenstich wird lebensbedrohlich, wenn der Gestochene an einer Insektengiftallergie leidet. Diese Allergie betrifft 3–5 % der Bevölkerung in Deutschland und tritt häufiger bei Erwachsenen als bei Kindern auf.
Diagnostiziert wird die Insektengiftallergie über zwei Methoden: den Prick- oder Intrakutantest (Hauttest mit standardisiertem Allergenextrakt) sowie die In-vitro-Diagnostik (RAST/ImmunoCAP), die spezifische IgE-Antikörper gegen Vespiden-Gift im Blut nachweist. Beide Methoden ergänzen sich; eine negative Hauttestung schließt eine Allergie nicht sicher aus.
Die einzige kausale Therapie ist die allergenspezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung, AIT) mit Vespidengift-Extrakt. Nach einer 3- bis 5-jährigen Behandlung erreichen mehr als 95 % der Patienten eine vollständige Toleranz. Die Behandlung reduziert das Anaphylaxierisiko bei erneutem Stich von bis zu 60 % auf unter 5 %.
Was tun nach einem Hornissenstich?
Nach einem Hornissenstich die Einstichstelle sofort kühlen, ein Antihistaminikum einnehmen und bei ersten Zeichen einer systemischen Reaktion den Notruf 112 wählen. Einen Stachel gibt es bei der Hornisse nicht zu entfernen — ihr Stachel bleibt nicht in der Haut.
Schritt-für-Schritt-Vorgehen:
- Ruhig bleiben und den Bereich verlassen. Keine hektischen Bewegungen — Erschütterungen und Alarmpheromone provozieren weitere Stiche.
- Kein Stachel vorhanden. Hornissen hinterlassen keinen Stachel in der Haut (Stachel ohne Widerhaken). Die Inspektion der Einstichstelle auf einen verbleibenden Stachel entfällt.
- Sofort kühlen. Kältekompresse oder Kühlakku (nicht direkt auf Haut, immer mit Tuch) für 10–15 Minuten. Kälte hemmt die Histaminfreisetzung und reduziert Schwellung.
- Antihistaminikum einnehmen. Cetirizin 10 mg oder Loratadin 10 mg oral, erhältlich ohne Rezept. Kortisonsalbe (z. B. 0,5 % Hydrokortison) lokal bei starkem Juckreiz.
- Beobachten: 30 Minuten Ruhe. Systemreaktionen treten typischerweise innerhalb von 30 Minuten auf. Nicht allein bleiben.
- Bei systemischen Symptomen: 112 rufen. Zeichen: Nesselsucht am ganzen Körper, Schwindel, Atemnot, Bewusstseinstrübung.
- Bei bekannter Allergie: Notfall-Set sofort anwenden. Adrenalin-Autoinjektor (Epipen, Emerade oder Jext), Antihistaminikum und Kortikosteroid gemäß Notfallplan, dann 112 rufen.
Adrenalin-Autoinjektor (Epipen): Die Indikation besteht ausschließlich bei bekannter Insektengiftallergie mit Systemreaktion oder Anaphylaxie in der Vorgeschichte. Dosis: 0,3 mg Adrenalin i.m. (Erwachsene), 0,15 mg bei Kindern unter 25 kg. Injektion in die Außenseite des Oberschenkels, durch Kleidung möglich. Nach der Injektion immer Notarzt rufen — Rebound-Reaktionen sind möglich.
Sind Kinder stärker gefährdet?
Kinder sind physiologisch nicht stärker gefährdet als Erwachsene, sofern keine Allergie vorliegt. Insektengiftallergien manifestieren sich bei Kindern seltener als bei Erwachsenen; die Allergieprävalenz liegt bei Kindern unter 3–5 % der Bevölkerung.
Das körpergewichtsbezogene Giftvolumen ist bei Kindern höher als bei Erwachsenen, weil die absolute Giftzufuhr (0,1 mg pro Stich) konstant bleibt, das Körpergewicht aber geringer ist. Dieser Faktor ist bei einem Einzelstich klinisch nicht relevant; er könnte bei Massenstichen (ab ca. 10 Stichen) ins Gewicht fallen.
Praktisch relevant: Kinder kommunizieren Symptome wie Atemnot oder Schwindel schlechter. Eltern sollten nach einem Stich 30 Minuten beobachten, auf Blässe, Quaddeln an nicht gestochenen Körperstellen oder verändertes Verhalten achten und im Zweifel 112 rufen.
Für Kinder mit diagnostizierter Insektengiftallergie ist die Hyposensibilisierung ab dem Schulalter zugelassen und wird von der deutschen Leitlinie (AWMF S2k) empfohlen.
Wie vermeidet man Hornissenstiche?
Hornissen stechen ausschließlich zur Nestverteidigung oder wenn sie direkt bedrängt werden. Ein Sicherheitsabstand von mindestens 4 Metern zum Nesteingang und das Vermeiden von schnellen Bewegungen oder Vibrationen in Nestnähe verhindert in nahezu allen Fällen einen Stich.
Konkrete Verhaltensregeln:
- Mindestabstand 4 m zum Nesteingang einhalten. Der aktive Verteidigungsradius von Vespa crabro beträgt 50–60 cm um das Nest; der 4-Meter-Abstand schließt versehentliche Unterschreitungen ein.
- Keine Erschütterungen am Nestträger (Baum, Wand, Dachbalken). Schlagen, Klopfen oder Motorsägearbeiten in weniger als 10 m Abstand provozieren Abwehrverhalten.
- Keine starken Duftstoffe (Parfüm, Haarspray) in Nestnähe. Vespa crabro reagiert chemosensitiv auf flüchtige organische Verbindungen.
- Ruhige, langsame Bewegungen beim versehentlichen Kontakt mit einer einzelnen Hornisse. Wedeln und schnelle Armbewegungen werden als Angriff interpretiert.
- Getränkedosen und Gläser im Freien kontrollieren. Hornissen suchen nach Zuckern; ein unbeobachtetes offenes Getränk kann eine Hornisse enthalten.
- Nest nicht selbst entfernen. Eingriffe am aktiven Nest ohne Schutzausrüstung sind gefährlich und nach § 44 Abs. 1 BNatSchG für Vespa crabro verboten ohne behördliche Ausnahmegenehmigung.